Nachwuchsarbeit in einem Brauchtumsverein beginnt nicht allein mit der Frage, wie viele neue Mitglieder gewonnen werden können. Entscheidend ist, ob Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene erleben, dass ihre Ideen, Fähigkeiten und Sichtweisen im Verein gebraucht werden. Wer nur zum Zuschauen, Abwarten und unveränderten Nachmachen einlädt, schafft hohe Einstiegshürden. Wer konkrete Tätigkeiten, verständliche Einstiege und echte Mitgestaltung anbietet, macht Tradition als lebendige Praxis erfahrbar.
Das gilt für Trachten-, Musik-, Tanz-, Karnevals-, Schützen-, Handwerks- und Heimatvereine ebenso wie für Gruppen, die regionale Feste, Bräuche, historische Techniken oder Formen des gemeinsamen Feierns pflegen. Nachwuchsgewinnung ist dabei mehr als Mitgliederwerbung. Sie verbindet Wissensweitergabe im Verein, Vereinsentwicklung, kulturelle Bildung und die schrittweise Übernahme von Verantwortung.
Die Deutsche UNESCO-Kommission fasst den Kern immaterieller Kultur mit dem Leitmotiv „Wissen. Können. Weitergeben.“ zusammen. Wissen und Können bleiben lebendig, wenn Trägergemeinschaften sie praktisch anwenden, weitergeben und weiterentwickeln. Nicht jede Brauchtumsform ist automatisch Immaterielles Kulturerbe im Sinne der UNESCO. Der Gedanke einer lebendigen Weitergabe kann jedoch für jeden Brauchtumsverein eine hilfreiche Orientierung sein.
Tradition weitergeben heißt: verstehen, ausprobieren und mitgestalten
Junge Menschen müssen nicht zuerst alle historischen Hintergründe kennen, bevor sie mitmachen dürfen. Ein Zugang kann über eine Tätigkeit entstehen: ein Instrument ausprobieren, eine Tanzfigur lernen, eine Maske gestalten, Gegenstände für ein Vereinsarchiv dokumentieren, eine Veranstaltung fotografisch begleiten oder einen kurzen Beitrag für die Öffentlichkeitsarbeit vorbereiten. Im Tun entstehen Fragen. Aus Fragen kann Interesse an Geschichte, regionaler Bedeutung und gemeinsamer Praxis wachsen.
Die UNESCO betont, dass Erhaltung nicht bedeutet, eine Tradition museal zu konservieren. Bildungs-, Informations- und Ausbildungsangebote sollen ermöglichen, dass Kulturformen weitergegeben und weiterentwickelt werden. Für Brauchtumsvereine ist das eine wichtige Leitlinie: Jugendliche sollen nicht nur bestehende Abläufe übernehmen, sondern verstehen, warum etwas gepflegt wird, und eigene Wege finden, sich daran zu beteiligen.
Für die Praxis hilft es, zwischen drei Ebenen zu unterscheiden:
- Wissen: Herkunft, Begriffe, Regeln, Geschichten, regionale Besonderheiten und die Bedeutung eines Brauchs.
- Können: praktische Fertigkeiten wie Musizieren, Tanzen, Nähen, Schnitzen, Kochen, Moderieren, Organisieren oder Dokumentieren.
- Gestalten: eigene Ideen entwickeln, Aufgaben übernehmen, Veranstaltungen mitprägen und Verantwortung tragen.
Ein Nachwuchsangebot kann von Beginn an Elemente aller drei Ebenen enthalten. Eine Jugendwerkstatt kann etwa zunächst die Geschichte einer Tracht erläutern, danach eine einfache Arbeitstechnik vermitteln und anschließend den Teilnehmenden Raum geben, ein eigenes Stück zu gestalten oder seine Präsentation mitzuentscheiden.
Was junge Menschen im Verein tatsächlich suchen
„Die Jugend hat kein Interesse an Tradition“ ist als Diagnose zu pauschal. Häufig fehlt nicht grundsätzlich Interesse, sondern ein passender Zugang. Junge Menschen prüfen, ob ein Verein offen und verständlich ist und ob eine Beteiligung mit Schule, Ausbildung, Studium, Arbeit und anderen Lebensbereichen vereinbar sein kann. Sie möchten wissen, was sie erwartet, wer sie begleitet und ob ihre Beiträge ernst genommen werden.
Für die Ansprache sind deshalb konkrete Antworten wichtiger als allgemeine Begriffe wie „Kameradschaft“ oder „Brauchtumspflege“:
- Was kann ich beim ersten Termin ausprobieren?
- Wie lange dauert ein Treffen?
- Muss ich Vorkenntnisse oder bestimmte Kleidung mitbringen?
- Kann ich zunächst an einzelnen Projekten teilnehmen?
- Welche Aufgaben gibt es neben Auftritten und Umzügen?
- Wer erklärt mir die Abläufe?
- Kann ich Musik-, Gestaltungs-, Organisations- oder digitale Fähigkeiten einbringen?
Die Checkliste der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt empfiehlt unter anderem, Zielgruppen zu klären, Aufgaben sichtbar zu machen, Einstiegshürden zu senken und Rückmeldungen einzuholen. Für Brauchtumsvereine heißt das: Nicht nur den Vereinsabend ankündigen, sondern die konkrete Mitmachaufgabe beschreiben.
Eine Einladung, die verständlich ist
„Wir suchen Nachwuchs für unsere Brauchtumspflege“ bleibt abstrakt. Verständlicher ist beispielsweise: „Du möchtest eine historische Handarbeit ausprobieren? In drei Samstagen gestaltest du mit uns ein kleines Werkstück. Vorkenntnisse brauchst du nicht. Material und Betreuung sind vorhanden.“
Auch ein Musikverein kann statt einer allgemeinen Probe einen Instrumente-Parcours anbieten. Ein Tanzverein kann einzelne Bewegungen in kurzen Einheiten zeigen. Ein Karnevalsverein kann Jugendliche an Bühnenbild, Licht, Moderation, Musikauswahl oder Veranstaltungsplanung beteiligen. So wird sichtbar, dass der Verein unterschiedliche Möglichkeiten zur Mitarbeit bietet und nicht nur eine einzige traditionelle Rolle kennt.
Niedrigschwellige Formate für den ersten Kontakt

Der erste Kontakt sollte kurz, überschaubar und praktisch sein. Ein mehrmonatiger Kurs oder eine regelmäßige Mitwirkung kann später folgen. Für den Einstieg eignen sich Formate, an denen Interessierte ohne Vereinswissen und ohne sofortige Mitgliedschaft teilnehmen können.
Schnuppertermin
Planen Sie etwa 60 bis 90 Minuten mit einem klaren Ablauf: Begrüßung, kurze Einordnung des Brauchs, praktische Stationen, Pause und Abschlussrunde. Jede Person sollte mindestens einmal selbst etwas ausprobieren können. Ein langes Grußwort oder eine ausführliche Vorstellung der Vereinssatzung gehört nicht an den Anfang.
Jugendwerkstatt
Eine Werkstatt kann sich einem konkreten Ergebnis widmen: einer kleinen Ausstellung, einem Bühnenobjekt, einer Audioaufnahme, einem Kostümteil, einem Rezeptheft oder einem kurzen Auftritt. Ein greifbares Ergebnis gibt dem Projekt Richtung und macht den gemeinsamen Arbeitsstand sichtbar.
Mitmachangebot außerhalb des Vereinsheims
Vereine können Angebote auch an Orten durchführen, die Kinder und Jugendliche bereits nutzen: in Schulen, Jugendhäusern, Dorfgemeinschaftshäusern, Bibliotheken, Ferienprogrammen oder bei örtlichen Veranstaltungen. Die Kultusministerkonferenz empfiehlt verlässliche Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Partnern, Kultureinrichtungen und Kulturakteuren. Genannt werden auch Einrichtungen des kulturellen Erbes, Amateur- und Breitenkultur sowie ehrenamtlich getragene Angebote.
Die Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur kulturellen Bildung ist eine fachliche Orientierung, aber kein einheitlich geltendes Schul- oder Ganztagsrecht. Zuständigkeiten, Genehmigungen, Versicherungsfragen und Kooperationsmodelle müssen im jeweiligen Bundesland und gegebenenfalls mit dem Schulträger geklärt werden.
Kooperationen mit Schulen und außerschulischen Partnern aufbauen
Eine einmalige Vorführung kann einen ersten Kontakt ermöglichen. Für längerfristige Angebote sind verlässliche Kontakte und klare Absprachen hilfreich. Sprechen Sie nicht nur die Schulleitung an, sondern prüfen Sie, welche Personen für Ganztag, kulturelle Bildung, Musik, Geschichte, Werken oder Projektwochen zuständig sind. Auch Jugendhäuser, Musikschulen, Volkshochschulen, Museen, Archive und kommunale Kulturstellen können passende Partner sein.
Ein praxistauglicher Kooperationsablauf
- Passendes Thema auswählen: Formulieren Sie ein Angebot, das in 60 bis 120 Minuten durchführbar ist und einen regionalen Bezug hat.
- Zielgruppe festlegen: Ein Angebot für Grundschulkinder braucht andere Materialien und Aufgaben als ein Workshop für Jugendliche oder junge Erwachsene.
- Rollen klären: Verein und Partner stimmen Raum, Betreuung, Material, Aufsicht, Anmeldung, Kosten und Kommunikation ab.
- Pilot durchführen: Starten Sie mit einer kleinen Gruppe und halten Sie fest, was gut funktioniert und was angepasst werden muss.
- Auswerten: Bitten Sie Teilnehmende, pädagogische Fachkräfte und Vereinsmitglieder um Rückmeldung.
- Fortsetzung anbieten: Verweisen Sie nicht nur allgemein auf den Verein, sondern nennen Sie einen konkreten Folgetermin oder ein nächstes Jugendprojekt.
Im ländlichen Raum können regionale Netzwerke besonders bedeutsam sein. Die KMK weist darauf hin, dass Kooperationen und Bildungslandschaften kulturelle Teilhabe unterstützen können. Mobile und aufsuchende Angebote können eine Möglichkeit sein, wenn das Vereinsheim schwer erreichbar ist oder der Verein bislang wenig bekannt ist.
Jugendliche an Verantwortung heranführen

Verantwortung entsteht nicht dadurch, dass ein Vorstand eine vollständige Veranstaltung ohne Vorbereitung an Jugendliche abgibt. Sie kann in überschaubaren Schritten wachsen. Die DSEE weist darauf hin, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig Verantwortung übernehmen können, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören passende Aufgaben, Beteiligung, Kinderrechte und Kinderschutz.
Eine mögliche Verantwortungstreppe
- Mitmachen: Jugendliche nehmen an einer Probe, Werkstatt oder Aktion teil.
- Mithelfen: Sie übernehmen eine klar beschriebene Einzelaufgabe, etwa Material vorbereiten oder Gäste begrüßen.
- Mitplanen: Sie entscheiden bei einem Jugendangebot über Thema, Musik, Gestaltung oder Ablauf mit.
- Teilbereich gestalten: Sie koordinieren beispielsweise eine Station, eine kleine Ausstellung, einen Programmpunkt oder eine Reihe von Beiträgen für die Öffentlichkeitsarbeit.
- Verantwortung im Team tragen: Sie wirken in einem Jugendteam, Ausschuss oder Projektteam mit und haben eine feste Ansprechperson.
Aufgaben sollten einen angemessenen Entscheidungsspielraum enthalten. Wer nur Dekoration nach genauer Anweisung aufhängt, sammelt wenig Erfahrung mit Gestaltung. Sinnvoller ist ein klarer Rahmen: Termin, Budget und Sicherheitsvorgaben stehen fest; über Gestaltung und Umsetzung entscheidet das Jugendteam innerhalb dieses Rahmens.
Patenschaften zwischen erfahrenen und neuen Mitgliedern
Eine Patenschaft sollte mehr sein als die Benennung einer erwachsenen Aufsichtsperson. Die erfahrene Person erklärt Begriffe, zeigt Handgriffe, stellt Kontakte her und lässt Raum zum Ausprobieren. Für beide Seiten sollte klar sein, wie oft man sich trifft und welche Aufgaben gemeinsam bearbeitet werden.
Hilfreich sind sichtbare, realistische Lernziele: „Bis zum Sommerfest kann Mira ein einfaches Stück vorspielen“, „Das Jugendteam erstellt eine kleine Objektbeschriftung für die Ausstellung“ oder „Jonas übernimmt bei der nächsten Veranstaltung die Begrüßung.“ Solche Ziele dürfen angepasst werden, wenn Jugendliche andere Interessen entwickeln oder sich Voraussetzungen ändern.
Vereinsstrukturen für junge Engagierte öffnen
Ein Jugendprojekt kann nicht dauerhaft losgelöst von der übrigen Vereinsstruktur bestehen. Prüfen Sie deshalb, ob die üblichen Abläufe für junge Menschen zugänglich sind. Beginnen Sitzungen erst spät am Abend? Werden Entscheidungen vor allem in informellen Gesprächen getroffen? Sind Aufgaben und Ansprechpartner bekannt? Gibt es eine Möglichkeit, Kritik oder Ideen sicher zu äußern?
Hilfreich können ein Jugendteam, ein Jugendsprecher oder eine feste Jugendvertretung sein. Das Modell muss zur Vereinsgröße passen. In einem kleinen Verein kann bereits ein regelmäßiger Termin mit jungen Mitgliedern und einem Vorstandsmitglied ein erster Schritt sein. Entscheidend ist, dass Vorschläge beantwortet werden und Beteiligung nachvollziehbare Folgen hat.
Auch digitale Kommunikation kann den Einstieg erleichtern. Verwenden Sie jedoch nur Kanäle, die zur Zielgruppe sowie zu Datenschutzvorgaben passen. Bei Minderjährigen müssen Einwilligungen, Bildrechte und der Umgang mit Kontaktdaten sorgfältig geregelt werden. Die Veröffentlichung von Fotos oder Namen darf nicht stillschweigend vorausgesetzt werden.
Kinderschutz, Kinderrechte und Aufsicht
Nachwuchsarbeit braucht verlässliche Schutzstandards. Bei Angeboten mit Minderjährigen sind Aufsicht, Einwilligungen, Datenschutz, sichere Räume, Zuständigkeiten und gegebenenfalls ein Schutzkonzept zu klären. Je nach Angebot, Trägerstruktur und regionalen Vorgaben können weitere Anforderungen gelten. Dieser Beitrag ersetzt keine rechtliche Beratung.
Der Vorstand sollte mindestens festlegen:
- Wer ist während des Angebots für die Aufsicht verantwortlich?
- Wer darf Kinder abholen oder nach Hause schicken?
- Wie werden Notfallkontakte und gesundheitliche Besonderheiten sicher verwaltet?
- Welche Regeln gelten für Nähe und Distanz, Einzelkontakte und digitale Kommunikation?
- Wie können Kinder und Jugendliche eine Vertrauensperson ansprechen?
- Wie wird mit Beschwerden oder einem Verdacht auf eine Grenzverletzung umgegangen?
Schutzregeln sollten verständlich erklärt werden und für alle gelten, auch für langjährige Vereinsmitglieder. Kinderrechte bedeuten außerdem, dass junge Menschen informiert werden, ihre Meinung äußern und bei Entscheidungen, die sie betreffen, angemessen beteiligt werden.
Ein 90-Tage-Plan für den Vorstand
Nachwuchsarbeit wird handhabbar, wenn der Verein mit einem begrenzten Vorhaben beginnt. Der folgende Plan ist ein Organisationsvorschlag und sollte an Größe, Angebot und Schutzanforderungen des Vereins angepasst werden.
Tage 1 bis 30: Voraussetzungen schaffen
- Erheben Sie, welche Aufgaben und Kenntnisse im Verein weitergegeben werden sollen.
- Fragen Sie bestehende junge Mitglieder, was ihnen gefällt und was sie an einer stärkeren Beteiligung hindert.
- Benennen Sie verantwortliche Personen für das Nachwuchsprojekt.
- Entwickeln Sie ein konkretes Schnupperformat mit Termin, Zielgruppe und Materialliste.
- Prüfen Sie Aufsicht, Einwilligungen, Datenschutz und erforderliche Schutzmaßnahmen.
Tage 31 bis 60: Angebot testen
- Führen Sie den Termin mit einer überschaubaren Gruppe durch.
- Geben Sie Jugendlichen Gelegenheit, mindestens eine Entscheidung selbst zu treffen.
- Dokumentieren Sie Ablauf, Materialbedarf und Rückmeldungen.
- Laden Sie zu einem konkreten Folgetermin ein.
Tage 61 bis 90: Beteiligung verstetigen
- Richten Sie ein Jugendteam ein oder vereinbaren Sie regelmäßige Projekttreffen.
- Übertragen Sie einen klar abgegrenzten Teilbereich.
- Benennen Sie für neue Personen oder Kleingruppen feste Ansprechpersonen.
- Berichten Sie im Verein, was Jugendliche gestaltet haben.
- Entscheiden Sie anhand der Rückmeldungen, was fortgeführt, angepasst oder beendet wird.
Checkliste: Ist der Verein für Nachwuchs zugänglich?
- Gibt es eine konkrete Einladung statt einer allgemeinen Bitte um Nachwuchs?
- Kann man ohne Vorkenntnisse und ohne sofortige Vereinsbindung teilnehmen?
- Sind Zeiten, Kosten, Kleidung, Ort und Kontaktperson klar angegeben?
- Gibt es praktische Aufgaben für verschiedene Interessen und Fähigkeiten?
- Werden digitale, organisatorische und kreative Beiträge ebenso anerkannt wie traditionelle Fertigkeiten?
- Erhalten Jugendliche bei mindestens einem Projekt echte Mitsprache?
- Ist der Übergang vom Schnuppertermin in ein Folgeangebot geregelt?
- Existieren klare Schutz-, Aufsichts- und Beschwerdewege?
- Wird regelmäßig erfragt, was junge Engagierte brauchen?
Typische Fehler bei der Nachwuchsgewinnung
„Früher war alles besser“
Abwertungen gegenüber heutigen Lebenswelten schaffen Distanz. Erklären Sie stattdessen, was an einer Tradition wichtig ist, welche Elemente den Brauch prägen und welche organisatorischen oder gestalterischen Formen weiterentwickelt werden können.
Zu viel Theorie am Anfang
Historische Einordnung ist wertvoll. Ein erster Termin braucht jedoch ein ausgewogenes Verhältnis von Erklärung und Tätigkeit. Kurze Geschichten, Gegenstände und persönliche Erfahrungen können den Zugang erleichtern.
Jugendliche nur als Helfer einsetzen
Wer junge Menschen ausschließlich zum Aufräumen, Kassieren oder Tragen einteilt, eröffnet wenig Gestaltungsspielraum. Auch diese Aufgaben können sinnvoll sein, sollten aber mit Planung, Entscheidungsmöglichkeiten und Anerkennung verbunden werden.
Keine Rückmeldung geben
Wenn Vorschläge folgenlos bleiben, kann Motivation sinken. Der Vorstand muss nicht jede Idee umsetzen, sollte aber erklären, was entschieden wurde und warum.
UNESCO-Anerkennung mit Förderung verwechseln
Die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes ist keine automatische finanzielle Förderung. Sie kann die öffentliche Wahrnehmung stärken und dabei helfen, weitere Ressourcen zu erschließen. Fördermittel müssen jedoch immer separat und nach den jeweils geltenden Bedingungen beantragt werden. Mehr dazu erläutert die Deutsche UNESCO-Kommission in ihren Häufigen Fragen zum Immateriellen Kulturerbe.
Fördermöglichkeiten realistisch prüfen
Für ein kleines Schnupper- oder Beteiligungsprojekt können je nach Region kommunale, landesweite oder private Förderangebote infrage kommen. Prüfen Sie zunächst, ob Sachkosten, Honorare, Fahrtkosten, Ausstattung oder Öffentlichkeitsarbeit förderfähig sind und ob der Verein antragsberechtigt ist.
Ein möglicher Ansatz ist das DSEE-Programm „Ehrenamt gewinnen. Engagement binden. Zivilgesellschaft stärken.“. Laut FAQ werden Projekte zur Stärkung von Engagement und Ehrenamt mit bis zu 1.500 Euro gefördert; Kulturprojekte werden als möglicher Bereich genannt. Förderbedingungen, Fristen, Zielgruppen und Antragsvoraussetzungen können sich ändern. Vor einer Antragstellung müssen daher die aktuelle Programmrunde und die vollständigen Richtlinien geprüft werden.
Für einen Antrag hilft ein konkreter Projektplan mit Zielgruppe, Ausgangslage, Ablauf, erwartetem Ergebnis, Kosten, Eigenleistungen und Kriterien für die Auswertung. „Wir wollen Nachwuchs gewinnen“ bleibt allgemein. Präziser wäre etwa: „Wir führen drei Jugendwerkstätten durch und entwickeln mit den Teilnehmenden einen Programmpunkt für das Sommerfest.“ Ob ein solches Vorhaben förderfähig ist, hängt von der jeweiligen Ausschreibung ab.
FAQ zur Nachwuchsarbeit in Brauchtumsvereinen
Wie gewinnen wir Kinder, wenn unser Verein kaum bekannt ist?
Stellen Sie ein kurzes, praktisches Angebot bei Schulen, Jugendhäusern, Ferienprogrammen oder örtlichen Veranstaltungen vor. Eine konkrete Tätigkeit macht verständlich, was Teilnehmende ausprobieren können. Vereinbaren Sie anschließend einen klaren Folgetermin und nennen Sie eine Ansprechperson.
Müssen Jugendliche regelmäßig an allen Vereinsaktivitäten teilnehmen?
Für den Einstieg kann eine flexible oder projektbezogene Beteiligung sinnvoll sein. Daraus kann sich später regelmäßiges Engagement entwickeln. Klären Sie transparent, welche Aufgaben verbindlich sind und wo individuelle Absprachen möglich bleiben.
Wie viel Verantwortung ist für Minderjährige angemessen?
Das hängt von Alter, Reife, Aufgabe und Betreuung ab. Übertragen Sie Verantwortung schrittweise und stellen Sie eine erwachsene Ansprechperson sicher. Sicherheits-, Aufsichts- und Schutzfragen müssen vorab geklärt werden.
Was tun, wenn erfahrene Mitglieder Veränderungen ablehnen?
Besprechen Sie, welche Elemente eines Brauchs für den Verein besonders wichtig sind und welche organisatorischen oder gestalterischen Formen offen für Erprobungen sein können. Jugendliche können Vorschläge begründen und in einer zeitlich begrenzten Pilotphase testen. Anschließend wertet der Verein die Erfahrungen gemeinsam aus.
Wie messen wir, ob Nachwuchsarbeit erfolgreich ist?
Zählen Sie nicht nur neue Mitgliedschaften. Beobachten Sie auch Schnupperkontakte, Wiederkehr, übernommene Aufgaben, Beteiligung an Entscheidungen und Rückmeldungen der Teilnehmenden. Qualitative Rückmeldungen können erklären, warum ein Angebot angenommen wird oder warum Anpassungen nötig sind.
Fazit: Aus Zuschauenden Beteiligte machen
Brauchtumsvereine können Nachwuchs gewinnen, wenn sie Tradition als zugängliche Lern- und Mitmachpraxis organisieren. Kurze Schnupperformate, praktische Werkstätten, Patenschaften, Kooperationen mit Schulen und Jugendhäusern sowie echte Mitsprache schaffen dafür geeignete Rahmenbedingungen. Junge Menschen müssen nicht unverändert in bestehende Rollen hineinwachsen. Sie können Wissen erwerben, Können entwickeln und die Zukunft des Vereins mitgestalten.
Ein sinnvoller erster Schritt ist überschaubar: Wählen Sie eine konkrete Tradition, eine klar umrissene Aufgabe und einen Termin, zu dem Menschen ohne Vorkenntnisse teilnehmen können. Danach kommt es auf die Qualität des Erlebnisses, den Umgang im Verein und darauf an, ob aus dem ersten Mitmachen ein verlässlicher Platz für Beteiligung und Verantwortung entstehen kann.
Quellen & weiterführende Informationen
- Deutsche UNESCO-Kommission: Immaterielles Kulturerbe in Deutschland – Grundlagen und Leitmotiv „Wissen. Können. Weitergeben.“
- Deutsche UNESCO-Kommission: Häufige Fragen zum Immateriellen Kulturerbe – Weitergabe, Weiterentwicklung und Einordnung der UNESCO-Verzeichnisse.
- Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt: Kinder und Jugendliche im Verein – dabei sein mit allen – Beteiligung, Verantwortung, Kinderrechte und Kinderschutz.
- Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt: Checkliste Engagierte gewinnen – praktische Hinweise für Ansprache und Einstieg.
- Kultusministerkonferenz: Empfehlung zur kulturellen Bildung – Kooperationen, Netzwerke und kulturelle Bildungslandschaften.
- Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt: FAQ zum Mikroförderprogramm – Hinweise zu möglichen Förderungen kleiner Engagement- und Kulturprojekte; Programmdetails vor Antragstellung prüfen.
